Der letzte Spieltag der Premier League birgt für die Londoner Rivalen Tottenham Hotspur und West Ham United ein beispielloses Gewicht, da der Klassenerhalt auf dem Spiel steht. Während Spurs als Favoriten in ihr Heimspiel gegen Everton gehen, schwebt über beiden Vereinen die Möglichkeit eines katastrophalen Abstiegs – ein Schicksal, das ihre finanzielle Zukunft neu gestalten und zu einem Massenexodus von Starspielern führen würde.
Die Saison von Tottenham war eine Zeitlupenkatastrophe. Drei verschiedene Cheftrainer – Thomas Frank, Igor Tudor und nun Roberto De Zerbi – kämpften mit einem Kader, der von Verletzungen und sinkender Moral geplagt war. Der Verein stellte mit sechs aufeinanderfolgenden Niederlagen einen ungewollten Rekord auf und erlebte später eine 15 Spiele andauernde Sieglosserie, die ihn gefährlich nah an die Abstiegszone brachte. De Zerbi Ankunft Ende März stoppte den Abwärtstrend mit Unentschieden gegen Brighton und Leeds sowie Siegen über Wolves und Aston Villa, aber der Spielraum für Fehler ist hauchdünn.
Der frühere Spurs-Mittelfeldspieler Danny Murphy beschrieb den psychologischen Drahtseilakt: „Die Mentalität muss sein, dass wir vor vier oder fünf Wochen abgeschrieben wurden. Wenn man den Fans gesagt hätte, dass sie mit einem Heimspiel gegen Everton den Klassenerhalt sichern können, hätten sie es genommen. Aber zu wissen, dass ein Unentschieden reicht, kann einem im Kopf spielen – man muss auf dem vorderen Fuß sein.“ Diese fragile Einstellung könnte gegen eine Everton-Mannschaft, die wenig zu gewinnen hat, entscheidend sein.
Sollte Tottenham absteigen, wäre die finanzielle Abrechnung schnell und verheerend. Fußballfinanzexperte Kieran Maguire schätzt einen Einnahmeverlust von 261 Millionen Pfund pro Jahr, verursacht durch Einbrüche bei den Einnahmen aus Übertragungen, Spieltagen und Werbung. Spurs erzielen derzeit 84 Pfund pro Fan pro Spiel – der höchste Wert der Premier League – eine Zahl, die in der zweiten Liga zusammenbrechen würde. Die Einnahmen aus der Unternehmensgastronomie, die an Spitzengegner gebunden sind, würden verschwinden, während eine Gehaltsabrechnung von 254 Millionen Pfund den Championship-Durchschnitt von 38 Millionen Pfund in den Schatten stellt und eine untragbare Kostenbasis schafft. Der Verein hat zudem ausstehende Transferraten in Höhe von 337 Millionen Pfund, was den Druck weiter erhöht.
West Ham Abstieg geht auf den Sommer 2024 und die Abreise von David Moyes, dem Architekten ihres Conference-League-Triumphes 2023, zurück. Eine schwierige Suche nach einer expansiveren Identität führte dazu, dass Julen Lopetegui und Graham Potter jeweils weniger als neun Monate im Amt waren. Die frühe Saisonverpflichtung von Nuno Espírito Santo brachte Stabilität, aber eine katastrophale Winterphase mit nur vier Punkten aus 30 Spielen zwischen November und Januar ließ sie in den Abgrund blicken. Jetzt müssen sie Leeds United schlagen und hoffen, dass Tottenham verliert, um eine unwahrscheinliche große Flucht zu vollenden.
Die finanziellen Schmerzen des Abstiegs sind für die Hammers ähnlich erschütternd. Maguire prognostiziert einen Einnahmerückgang von 100 Millionen Pfund, wobei die Übertragungseinnahmen allein von 133 Millionen Pfund auf etwa 48 Millionen Pfund fallen, selbst mit Fallschirmzahlungen. Ihr 62.500 Zuschauer fassendes London Stadium, ein Statussymbol der Premier League, wird in der Championship zu einer kostspieligen Belastung; die jährliche Miete von rund 4 Millionen Pfund mag sinken, aber die Unterhaltskosten bleiben hoch. Eine bizarre Mietklausel könnte sogar die Londoner Steuerzahler zwingen, zusätzliche 2,5 Millionen Pfund zu zahlen, falls West Ham absteigt.
Ein Abstieg würde beide Vereine zu einem Ausverkauf wertvoller Vermögenswerte zwingen. Für Tottenham würde der Exodus wahrscheinlich Dejan Kulusevski, Guglielmo Vicario, Cristian Romero, Micky van de Ven, Xavi Simons, James Maddison sowie die vielversprechenden Talente Archie Gray und Lucas Bergvall umfassen. West Ham steht vor ähnlichen Turbulenzen: Kapitän Jarrod Bowen und Flügelspieler Crysencio Summerville würden erhebliche Angebote anziehen, während Mittelfeldspieler Mateus Fernandes in jüngsten Medienberichten bereits mit einem Wechsel zu Manchester United in Verbindung gebracht wurde.
Die Rechnung am letzten Spieltag ist brutal einfach. Tottenham, zwei Punkte vor West Ham mit einer weitaus besseren Tordifferenz, empfängt Everton. West Ham empfängt Leeds. Nur eines von neun möglichen Ergebnissen schickt die Hammers runter: ein West Ham-Sieg in Kombination mit einer Tottenham-Niederlage. Jedes andere Ergebnis bewahrt Spurs den Erstligastatus und stürzt West Ham zum ersten Mal seit 14 Spielzeiten in die Championship – ein atemberaubender Fall für einen Verein, der noch vor zwei Jahren einen europäischen Pokal gewann.
Für Tottenham, das seit 1950 nur eine Saison außerhalb der höchsten Spielklasse verbrachte (1977/78), wäre ein Abstieg ein unvorstellbarer Kollaps für einen der reichsten Vereine der Welt, der im Deloitte Money League auf Platz neun rangiert und gerade das Achtelfinale der Champions League erreicht hat. Die Ironie ist bitter: Beide Londoner Vereine haben in diesem Jahrzehnt europäischen Erfolg geschmeckt (Spurs gewannen 2024 die Europa League), dennoch haben Vorstandsfehler, Trainerwechsel und Rekrutierungsmisserfolge sie an diese Klippe gebracht.
Die menschlichen und sportlichen Kosten gehen über die Bilanz hinaus. Ein Abstieg würde die Ambitionen für Jahre zurücksetzen, nicht nur für Monate. Wie Maguire warnt: „Für einen Verein mit den Ambitionen und der finanziellen Größe von Spurs wäre ein Abstieg nicht einfach ein kurzfristiger sportlicher Rückschlag. Die Ökonomie des englischen Fußballs macht die Erholung zu einem mehrjährigen Projekt.“ Für West Ham gilt dasselbe, verstärkt durch die Herausforderung, ein riesiges Stadion mit Championship-Fußball zu füllen. Am Sonntag werden 90 Minuten entscheiden, ob einer dieser traditionsreichen Vereine in einen finanziellen und wettbewerblichen Albtraum stürzt, während der andere erleichtert aufatmet und mit dem langen Prozess des Vertrauenswiederaufbaus beginnt.
Basierend auf Berichterstattung von BBC Sport.