Die Untersuchung des italienischen Schiedsrichterwesens mit dem Namen ‚Arbitropoli‘ tritt in eine kritische Phase ein, da Inter Mailands Club-Schiedsrichter-Manager Giorgio Schenone sich darauf vorbereitet, von der Mailänder Staatsanwaltschaft befragt zu werden. Schenone, der selbst nicht unter Verdacht steht, wird als sachkundige Person angehört – ein bedeutender Schritt in einer Untersuchung, die die Grundlagen der Serie A erschüttern könnte.
Im Kern der Untersuchung steht der angebliche unzulässige Einfluss auf Schiedsrichteransetzungen. Die Staatsanwälte prüfen abgefangene Kommunikation zwischen Gianluca Rocchi, dem ehemaligen Leiter der Schiedsrichteransetzer (CAN), und seinem Kollegen Andrea Gervasoni. Beide wurden wegen Verdachts auf Beteiligung an Sportbetrug angeklagt und haben sich selbst suspendiert. In diesen abgefangenen Gesprächen beziehen sie sich angeblich auf einen ‚Giorgio‘ und diskutieren, wie ‚sie‘ einen bestimmten Schiedsrichter nicht mehr wollten, der von den Ermittlern als Daniele Doveri identifiziert wurde.
Ein zentraler Prüfpunkt ist ein mutmaßliches Treffen zwischen Schenone und Rocchi am 2. April 2025. Dieses Datum fällt mit dem Halbfinal-Hinspiel der Coppa Italia zwischen Milan und Inter zusammen. Die Komplikation für die Ermittler besteht darin, dass Schenone während des Spiels auf Inters Bank saß, was ein heimliches Treffen erschwert, aber nicht unmöglich macht. Art und Inhalt eines etwaigen Gesprächs zwischen den beiden sind entscheidend dafür, ob Schenones Worte einen Einfluss auf Rocchis spätere Schiedsrichteransetzungen hatten.
Die Staatsanwälte behaupten, dass bestimmte Spielansetzungen „abgesprochen“ waren. Sie verweisen auf zwei Begegnungen der Vorsaison: Bologna–Inter und das Halbfinal-Rückspiel der Coppa Italia, Inter–Milan. Für das erste Spiel wurde Andrea Colombo ausgewählt, ein Schiedsrichter, der angeblich bei Inter „willkommen“ war. Für das entscheidende Rückspiel wurde der „unwillkommene“ Daniele Doveri angesetzt. Die Theorie der Anklage ist, dass dies eine bewusste Taktik war, um zu verschleiern, dass es Doveris letzter Einsatz der Saison mit Inter sein würde.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Ergebnisse auf dem Platz nicht unbedingt Inter begünstigten. Colombo unterlief im Bologna-Spiel ein schwerer Schiedsrichterfehler, der Inter benachteiligte, während Doveri, der am Tag nach dem angeblichen Treffen mit Schenone auch für Parma–Inter angesetzt wurde, in den letzten zwei Spielzeiten so oft für Inter gepfiffen hat wie kein anderer. Wie der Quellenartikel unter Berufung auf Lehren aus dem Calciopoli-Skandal anmerkt, ist ein direkter Zusammenhang zwischen Anschuldigungen und Spielergebnissen nicht immer erforderlich, um ein Fehlverhalten festzustellen.
Die Untersuchung beschränkt sich nicht auf Schenone. Staatsanwalt Maurizio Ascione plant, Antonio Zappi, den Präsidenten des Italienischen Schiedsrichterverbandes (AIA), zu vernehmen, der vom Bundesrat offiziell seines Amtes enthoben werden soll. Zappi wurde zuvor über drei Ebenen der Sportjustiz hinweg für 13 Monate gesperrt, wegen unzulässigen Drucks auf Ansetzer in unteren Ligen. Ebenfalls soll Dino Tommasi aussagen, ein Mitglied der CAN, der Rocchi nach dessen Suspendierung ersetzte.
Weitere Aussagen werden von Riccardo Pinzani erwartet, dem Schiedsrichterbeauftragten von Lazio und ehemaligen FIGC-Kontaktmann für Serie-A- und -B-Clubs, sowie von Andrea Butti, dem Wettbewerbsleiter der Serie A. Ihre Erkenntnisse sollen Aufschluss über die Verwaltung des VAR-Zentrums in Lissone und die internen Dynamiken der Schiedsrichterwelt geben.
Inzwischen gibt es einen separaten, aber verwandten Strang, der Staatsanwalt Giuseppe Chiné betrifft, der ursprünglich die Beschwerde des ehemaligen Schiedsrichterassistenten Domenico Rocca erhielt, die die Untersuchung auslöste. Chiné wartet nun auf den Abschluss der laufenden Ermittlungen, um die versiegelten Fallakten zu erhalten. Er wird dann prüfen, ob er seine eigene Akte wiedereröffnen soll, die eine dritte mutmaßliche Straftat gegen Rocchi im Zusammenhang mit einem „Klopfen“ im VAR-Raum während eines Spiels Udinese–Parma enthält.
Die übergeordnete Frage ist, ob diese Untersuchung einen neuen, systemischen Skandal ähnlich Calciopoli enthüllen wird, eine interne Abrechnung innerhalb des Schiedsrichterwesens oder einen unvollständigen Fall. Die Aussagen von Persönlichkeiten wie Schenone, der als ehemaliger Schiedsrichterassistent zusammen mit Rocchi gearbeitet hat, werden entscheidend sein, um die Grenze zwischen professionellem Dialog und unzulässiger Einflussnahme zu ziehen.
Für Inter Mailand befindet sich der Club im Zentrum eines juristischen Sturms, obwohl sein Angestellter kein Verdächtiger ist. Der Ausgang könnte tiefgreifende Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Fairness im italienischen Fußball und die Integrität der Offiziellen-Strukturen der Liga haben. Die kommenden Wochen, in denen weitere Funktionäre angehört und Beweise geprüft werden, werden das wahre Ausmaß und die Schwere von ‚Arbitropoli‘ bestimmen.
Basierend auf Berichterstattung von Tuttosport.com - Calcio.