Der letzte Spieltag der Bundesliga-Saison bescherte RB Leipzig eine ernüchternde Niederlage: Mit 1:4 unterlag man dem SC Freiburg im Europa-Park-Stadion. Doch inmitten des Trümmerhaufens einer Pleite, bei der man drei Gegentore nach Standards kassierte, fand der junge Mittelfeldspieler Assan Ouedraogo einen persönlichen Lichtblick. Der 20-Jährige, der bislang am Rande der Nationalteam-Diskussion stand, glaubt nun, sich doch noch in den WM-Kader spielen zu können.
Leipzigs Saison war ohnehin eine Achterbahnfahrt gewesen: Die Champions-League-Qualifikation war gesichert, aber die Titelambitionen früh verpufft. Die Reise nach Freiburg sollte eine Gelegenheit sein, die Saison hoch zu Ende zu bringen, doch Marco Roses Team brach in alarmierender Weise ein. Alle vier Freiburger Tore trugen die Handschrift schlechter Organisation: Das erste per Kopf nach einer Ecke, der der Innenverteidiger am kurzen Pfosten nicht gewahr wurde; das zweite durch eine Freistoßroutine, die eine klaffende Lücke in der Mauer ausnutzte; das dritte durch eine weitere Ecke, bei der ein Läufer völlig frei stand; das vierte aus dem Spiel heraus, nachdem Leipzig verzweifelt alles nach vorne geworfen hatte.
Ouedraogo war jedoch einer der wenigen Gäste, die positiv auffielen. Der aus der Jugendakademie zu Leipzigs Profis gestoßene Spieler sorgte mit seinen dynamischen Läufen aus dem Mittelfeld und seiner Bereitschaft, Gegenspieler anzunehmen, für Impulse. Er absolvierte 92 Prozent seiner Pässe, gewann fünf Zweikämpfe und bereitete Leipzigs Ehrentor vor, indem er einen feinen Steckpass hinter Freiburgs Abwehrkette spielte. Es war eine Leistung, die sein Potenzial unterstrich – und sie blieb nicht unbemerkt.
Der WM-Traum war für Ouedraogo während der gesamten Spielzeit eine treibende Kraft. Geboren in Deutschland mit burkinischen Eltern, ist er für beide Nationen spielberechtigt, doch sein Fokus lag darauf, einen Platz in Hansi Flicks Plänen für Katar zu ergattern. Angesichts der bevorstehenden endgültigen Kaderbekanntgabe haben seine jüngsten Auftritte – einschließlich des Freiburg-Spiels – eine Debatte darüber neu entfacht, welche Nachwuchsspieler eine Überraschungsberufung verdienen. Die Vielseitigkeit des 20-Jährigen, der sowohl als Box-to-Box-Mittelfeldspieler als auch auf der rechten Seite eingesetzt werden kann, macht ihn zu einer wertvollen Option.
Leipzigs Trainerstab hat lange geglaubt, dass Ouedraogo das Zeug zum Erfolg auf höchstem Niveau hat. Seine körperliche Reife täuscht über sein Alter hinweg, und seine technischen Fähigkeiten auf engem Raum heben ihn von vielen inländischen Altersgenossen ab. Das Freiburg-Spiel könnte trotz des Ausgangs seine Argumente gestärkt haben. Er zeigte Ruhe am Ball und ein Auge für den tödlichen Pass – Eigenschaften, die Flick in einem System schätzt, das schnelle Umschaltbewegungen erfordert.
Doch die schwere Niederlage legte auch die Schwachstellen offen, die Leipzigs Ambitionen für die nächste Saison beeinträchtigen könnten. Drei Gegentore nach Standards sind eine statistische Anomalie, aber sie wiesen auf eine anhaltende Schwäche hin. Unter Rose hatte Leipzig oft Probleme bei der Verteidigung ruhender Bälle und ließ in der Bundesliga-Saison 12 Tore nach Standards zu – die zweitschlechteste Bilanz der Liga. Für Ouedraogo sind solche Defensivpatzer ein zweischneidiges Schwert: Sie schaden dem Teamergebnis, schaffen aber auch Spielsituationen, in denen seine Offensivbeiträge umso deutlicher hervorstechen.
Aus einer breiteren Perspektive verkörperte dieses Spiel Leipzigs Saison: Momente individueller Brillanz, überschattet von kollektiver Fragilität. Der fünfte Tabellenplatz, außerhalb der Champions-League-Ränge, war eine Enttäuschung für einen Kader mit Titelambitionen. Ouedraogos Aufstieg bietet jedoch einen Silberstreif. Zusammen mit anderen Akademieabsolventen repräsentiert er einen selbst ausgebildeten Kern, der die Zukunft des Vereins prägen könnte, insbesondere da Schlüsselspieler im Sommer voraussichtlich wechseln werden.
Mit Blick nach vorne wird der 20-Jährige sich darauf konzentrieren, sich im Vorbereitungslehrgang der deutschen A-Nationalmannschaft zu empfehlen, sollte er eine Einladung erhalten. Selbst wenn es nicht klappt, wird ihm die Erfahrung, im Rennen zu sein, zugutekommen. Sein „Riesentraum“, wie er es angeblich beschrieben hat, ist nicht allein darauf ausgelegt, im Kader zu stehen; es geht darum zu beweisen, dass er auf die größte Bühne gehört.
Für Leipzig wird die Sommerpause eine Zeit der Reflexion sein. Die Defensivbilanz bei Standards muss verbessert werden, entweder durch taktische Anpassungen oder personelle Veränderungen. Die Niederlage in Freiburg sollte als Katalysator für Verbesserungen dienen. Während der Verein den Neuaufbau anstrebt, wird Ouedraogos Fortschritt eine Schlüsselgeschichte sein. Seine Fähigkeit, Spiele aus dem Mittelfeld zu beeinflussen, könnte ihm in der kommenden Saison eine noch prominentere Rolle einbringen, unabhängig von seinem WM-Schicksal.
Im weiteren Kontext des deutschen Fußballs ist Ouedraogos Aufstieg eine zeitgemäße Erinnerung an das Talentreservoir, das unter den etablierten Stars brodelt. Bei einer Nationalmannschaft im Umbruch könnte ein Spieler seines Profils – jung, technisch begabt und druckresistent – dringend benötigte Dynamik verleihen. Das 1:4-Ergebnis mag von vielen vergessen werden, aber für den Mann im Zentrum könnte es das Spiel gewesen sein, das alles veränderte.
Basierend auf Berichterstattung des Kicker.