Sabri Lamouchi verbarg seine Frustration nicht. Der tunesische Trainer prangerte öffentlich einen „Mangel an Respekt“ von Louey Ben Farhat an, dem 19-jährigen Stürmer, der einen Platz im Kader der Karthago-Adler für die Weltmeisterschaft 2026 ablehnte. „Ich habe heute Morgen einen Anruf von Louey Ben Farhats Vater erhalten. Er sagte mir, es sei zu früh für den Spieler, und er lehnte ab. Ich war schockiert. Ich rief Louey an, er ging nicht ran. Ich rief seinen Vater zurück, auch er ging nicht ran. Das ist ein Mangel an Respekt! Diese Angelegenheit ist erledigt“, sagte Lamouchi zu L'Equipe. Die deutlichen Worte geben den Ton für eine Kontroverse an, die Tunesien nur wenige Wochen vor Turnierbeginn in den USA, Mexiko und Kanada in Aufruhr versetzt hat.
Ben Farhat, ein in Deutschland geborener Stürmer, der aus der Jugend des Karlsruher SC stammt, hatte sich erst kürzlich international für Tunesien entschieden. Ende März bestritt er seine ersten beiden Länderspiele in Freundschaftsspielen und absolvierte insgesamt 63 Minuten gegen Haiti (1:0-Sieg) und Kanada (0:0-Unentschieden). Die Einsätze wurden als Zeichen dafür gewertet, dass sich der Doppelstaatsbürger für das nordafrikanische Land und gegen sein Geburtsland entschieden hatte. Seine Vereinsform in der 2. Bundesliga – sechs Tore in 19 Einsätzen in dieser Saison – hatte ihn bereits als aufstrebenden Star mit den körperlichen Voraussetzungen ausgewiesen, um Abwehrspieler zu beschäftigen.
Für Lamouchi, einen Franzosen, der den tunesischen Job mit dem Auftrag übernommen hatte, auf der ermutigenden Leistung der Mannschaft bei der WM 2022 aufzubauen, war die Aufnahme Ben Farhats Teil einer umfassenderen Strategie, einem erfahrenen Kader Jugend einzuhauchen. Tunesiens Gruppen F-Gegner – Schweden, Japan und die Niederlande – gehören alle zu den Top 30 der FIFA-Weltrangliste, und jeder Vorteil zählt. Ben Farhats Tempo und Direktheit boten eine andere Dimension von der Bank. Dass der Spieler und sein Lager in letzter Minute ausstiegen, hat einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen.
Der zeitliche Ablauf der Ereignisse verstärkt das Gefühl des Verrats. Lamouchi hatte seinen 26-köpfigen Kader bereits nominiert, und Ben Farhats Name stand darauf. Der Trainer erfuhr von der Sinnesänderung des Spielers erst durch einen Anruf des Vaters am Freitagmorgen. Als Lamouchi versuchte, den Spieler direkt zu erreichen, blieben seine Anrufe unbeantwortet. Das anschließende Schweigen sowohl von Vater als auch Sohn verstärkte die wahrgenommene Respektlosigkeit. Im internationalen Fußball sind solche Absagen in letzter Minute selten, besonders nachdem ein Spieler bereits Länderspiele absolviert hat.
„Diese Angelegenheit ist erledigt“, erklärte Lamouchi, aber die Nachwirkungen werden anhalten. Tunesien muss nun seine Pläne ohne einen Spieler anpassen, von dem erwartet wurde, dass er die Offensive verstärkt. Der Zeitpunkt könnte nicht schlechter sein: Da die WM nur etwas mehr als zwei Monate entfernt ist, laufen die letzten Vorbereitungen des Teams bereits. Ein Ersatz für ein Kadermitglied zu diesem Zeitpunkt kann das taktische Gefüge und die Mannschaftsmoral stören. Lamouchi wird wahrscheinlich einen Alternativspieler nachnominieren, aber die Ablenkung ist unerwünscht.
Für Ben Farhat scheint die Entscheidung eine kalkulierte Wette auf eine Zukunft mit der deutschen Nationalmannschaft zu sein. Geboren in Waiblingen und vollständig im deutschen System ausgebildet, ist er immer noch berechtigt, das Land seiner Geburt international zu vertreten. Seine Weigerung, sich jetzt Tunesien zu verpflichten, deutet wahrscheinlich auf die Überzeugung hin, dass er später in Julian Nagelsmanns Kader einbrechen kann. Der Weg ist jedoch keineswegs garantiert; Deutschland verfügt über ein tiefes Reservoir an jungen Stürmer-Talenten, und Ben Farhats Zweitliga-Referenzen mögen noch nicht für eine Berufung in die A-Nationalmannschaft ausreichen.
Der Vorfall unterstreicht auch den zunehmend häufigen Tauziehen um Doppelstaatsbürger. Tunesien hat historisch von der Diaspora profitiert und Talente wie Hannibal Mejbri und Ellyes Skhiri rekrutiert, die in Europa geboren und aufgewachsen sind. Der Fall Ben Farhat zeigt jedoch die Risiken, wenn ein Spieler einen kleineren Verband als Sprungbrett nutzt. Für Lamouchi schmerzt vor allem die mangelnde Kommunikation. Der Spieler und sein Vater haben praktisch einen Trainer geghostet, der ihnen Vertrauen geschenkt hatte, indem er den Teenager in den WM-Kader beförderte.
Der Schritt könnte auch auf Vereinsebene Auswirkungen haben. Karlsruhe, derzeit im Mittelfeld der deutschen zweiten Liga, wird seinen jungen Stürmer unter verstärkter Beobachtung sehen. Während Vereine selten in die Internationale Zugehörigkeit eingreifen, könnte die Affäre Ben Farhats Beziehung zu Teamkollegen und Fans belasten, besonders zu denen mit Bindungen zu arabischen Ländern. Der Spieler wird auf dem Platz liefern müssen, um den Lärm zu rechtfertigen.
Mit Blick nach vorne muss Lamouchi nun seine Truppe sammeln und sich auf die monumentale Aufgabe in Gruppe F konzentrieren. Die Niederlande mit ihrer Weltklasse-Abwehr, Schweden mit ihrer Physis und Japan mit ihrer technischen Präzision stellen drei unterschiedliche Bedrohungen dar. Ohne Ben Farhats potenziellen X-Faktor könnten Tunesiens offensiven Optionen dünner aussehen. Der Trainer wird sich auf erfahrene Spieler wie Wahbi Khazri und jüngere wie Anis Ben Slimane stützen, um die kreative Last zu tragen.
Die Kontroverse wirft auch Fragen zur Rolle des Umfelds von Spielern bei internationalen Entscheidungen auf. Ben Farhats Vater soll Lamouchi gesagt haben, es sei „zu früh“ für seinen Sohn, sich Tunesien zu verpflichten, was den Wunsch nahelegt, die Optionen für eine mögliche deutsche Berufung offen zu halten. Ob der Spieler seinen Weg in die Nationalmannschaft erzwingen kann, bleibt abzuwarten, aber vorerst ist die Tür zu Tunesien fest verschlossen.
Mit der bevorstehenden WM sind Geschichten wie diese eine Erinnerung an die menschlichen Dynamiken hinter Kaderentscheidungen. Vertrauen, Kommunikation und Engagement sind genauso wichtig wie Talent. Lamouchis offene Frustration dient als Warnung an jeden Spieler, der eine Länderspielberufung auf die leichte Schulter nehmen könnte. Für einen Trainer, der darum kämpft, eine Siegermentalität zu vermitteln, könnte Ben Farhats Absage entweder ein Schlachtruf oder eine anhaltende Ablenkung werden.
Basierend auf Berichterstattung von L'Equipe.