Das DFB-Pokalfinale hat im deutschen Fußball immer Gewicht, aber das Aufeinandertreffen zwischen dem VfB Stuttgart und dem FC Bayern München am Samstag im Olympiastadion wirkt besonders spannungsgeladen. Im Zentrum der Handlung steht Sebastian Hoeneß, der 44-jährige Stuttgarter Trainer, der nicht nur einer der klügsten taktischen Köpfe der Bundesliga ist, sondern auch der Neffe von Bayerns Ehrenpräsident Uli Hoeneß. Für Sebastian ist es eine Chance, den Verein, der über seinem Familiennamen schwebt, auszutricksen und zu beweisen, dass sein rasanter Aufstieg kein Zufall ist.
Hoeneß' Weg ins Finale ist eine Geschichte von hartnäckiger Widerstandsfähigkeit und Angriffsfußball. Als er im April 2023 die Nachfolge von Bruno Labbadia antrat, stand der VfB Stuttgart am Tabellenende und blickte einem scheinbar sicheren Abstieg entgegen. Ein nervenaufreibendes Relegationsüberleben nur wenige Wochen später fühlte sich wie ein Wunder an, war aber nur der Prolog. In der folgenden Saison orchestrierte Hoeneß eine atemberaubende Verwandlung: Der VfB beendete die Saison als Vizemeister der Bundesliga, verdrängte Bayern selbst auf den zweiten Platz und besiegte Arminia Bielefeld mit 4:2, um den DFB-Pokal zu holen. Für einen Verein, der in sieben Jahren sieben Trainer verschlissen hatte, waren Stabilität und Erfolg endlich angekommen.
Fabian Wohlgemuth, der Generalmanager des VfB Stuttgart, fasste die Stimmung treffend zusammen: „Die Ankunft von ‚Basti‘ markierte den Beginn der fruchtbarsten Periode in der Vereinsgeschichte. Es ist beeindruckend, wie sich die Dinge seit seiner Ankunft entwickelt haben und wie er das Team trotz vieler Abgänge kontinuierlich verbessert hat.“ Diese Abgänge waren bedeutend – Schlüsselspieler wie Konstantinos Mavropanos und Borna Sosa verließen den Verein – doch Hoeneß baute mit einer offensiven Spielphilosophie neu auf, die unbekannte Namen zu Nationalspielern machte.
Tatsächlich zählt die Ausbildung deutscher Nationalspieler zu seinen größten Erfolgen. Jamie Leweling, Alexander Nübel, Angelo Stiller und Deniz Undav wurden kürzlich von Julian Nagelsmann für die bevorstehende Weltmeisterschaft nominiert – ein Beweis für Hoeneß' Fähigkeit, Talente zu fördern. Ihre Berücksichtigung unterstreicht, wie der VfB Stuttgart zu einer Kaderschmiede für Spieler geworden ist, die seinen temporeichen, ballbesitzorientierten Ansatz verinnerlichen. Der Durchschnitt von 1,8 Toren pro Spiel in dieser Saison spiegelt eine Philosophie wider, die auf Spektakel ausgelegt ist.
Die familiäre Nebenhandlung verleiht emotionale Tiefe. Uli Hoeneß, der drei Jahrzehnte lang bei Bayern das Sagen hatte und weiterhin die einflussreichste Figur ist, hat seinen Neffen öffentlich gelobt: „Nach unserem Trainer Vincent Kompany ist es Sebastian, der meinen größten Respekt hat.“ Dieses Lob wiegt schwer, da Uli für seine hohen Ansprüche bekannt ist. Dass Sebastian sich entschied, seinen Vertrag bis 2028 zu verlängern, anstatt vor zwei Jahren auf Gerüchte um den Bayern-Job einzugehen, spricht für seine Reife – er wollte sich erst bewähren, bevor er daran dachte, es seinem Onkel gleichzutun.
Das Finale am Samstag geht jedoch nicht um familiäre Gefühle. Es ist eine direkte Prüfung, ob Stuttgarts Aufwärtstrend der ultimativen nationalen Bewährungsprobe standhalten kann. Bayern hat unter Kompany seinen alten Glanz wiedergefunden und bleibt das Team, das es im K.o.-Fußball zu schlagen gilt. Für den VfB Stuttgart würde ein zweiter Pokalsieg in Folge nicht nur ihren Status als am meisten verbesserter Verein Deutschlands festigen, sondern auch Hoeneß' Ruf so weit steigern, dass Bayern möglicherweise offiziell anklopft – diesmal mit einem konkreten Angebot.
Taktisch verspricht das Duell faszinierend zu werden. Hoeneß bevorzugt ein dynamisches 3-4-3, das beim Pressing in ein 3-5-2 übergeht und sich auf die Schienenspieler verlässt, um Überzahlsituationen zu schaffen. Seine ruhige Art an der Seitenlinie – ein deutlicher Kontrast zu einigen seiner Vorgänger – hat einer Mannschaft, die zuvor unter Druck zusammenbrach, Selbstvertrauen eingeflößt. Gegen Bayerns Ballbesitz-Monster muss Stuttgart in Umschaltmomenten effizient sein, ein Bereich, in dem Leweling und Undav glänzen.
Die Auswirkungen gehen über die Trophäe hinaus. Ein Stuttgarter Sieg würde Hoeneß zum ersten Trainer seit Felix Magath machen, der einen Nicht-Spitzenclub zu aufeinanderfolgenden Pokalsiegen führt, und könnte seinen Weg zu einem europäischen Top-Job beschleunigen. Umgekehrt könnte eine Niederlage als Lernschritt gesehen werden, aber die Erzählung von „eines Tages bei Bayern“ würde bestehen bleiben. Vorerst lenkt Hoeneß solche Gespräche mit charakteristischer Bescheidenheit ab und konzentriert sich auf das kollektive Projekt.
Uli Hoeneß' Worte unterstreichen zwar die Bewunderung, aber auch eine unbequeme Wahrheit: Sebastian könnte der ideale Kandidat sein, um irgendwann die Nachfolge von Kompany anzutreten. Das Pokalfinale wird so zu einer Art Vorsprechen. Doch der jüngere Hoeneß bleibt unbeeindruckt, sein Geist ist einzig darauf gerichtet, für die 60.000 Fans, die jede Woche die Mercedes-Benz Arena füllen, zu liefern. Ihre Hingabe ist sein wahres Vermächtnis.
Je näher das Spiel rückt, liegt ein Hauch von Schicksal in der Luft. Stuttgarts Aufstieg vom Gespött zum Giganten-Schlächter spiegelt die Reise ihres Trainers von der Ungewissheit zur Anerkennung wider. Ob die Geschichte damit endet, dass er den Club seines Onkels überlistet oder knapp scheitert – Sebastian Hoeneß hat bereits ein bemerkenswertes Kapitel geschrieben, und das nächste beginnt am Samstagabend.
Basierend auf Berichterstattung von L'Equipe.