Englands Trainer Thomas Tuchel hat den ersten formellen Schritt in Richtung der Weltmeisterschaft 2026 unternommen und am Montagabend vor der Frist einen vorläufigen 55-Mann-Kader bei der FIFA eingereicht. Die erweiterte Liste, die bis zum Turnierstart am 11. Juni auf einen endgültigen 26-köpfigen Kader reduziert wird, enthält mehrere Überraschungsnamen und offenbart das Ausmaß der Abwehrsorgen aufgrund von Verletzungen, mit denen Tuchel jonglieren muss. Während der englische Verband eine offizielle endgültige Kaderbekanntgabe am 22. Mai plant, bietet die vorläufige Auswahl einen faszinierenden Einblick in das Denken des Trainers – insbesondere auf der problematischen Rechtsverteidigerposition.
Zu den interessantesten Aufnahmen gehört Trent Alexander-Arnold von Real Madrid, der in Tuchels vorherigem Kader für die Freundschaftsspiele gegen Uruguay und Japan fehlte. Der 25-Jährige schien einen schweren Stand zu haben, um einen Platz im Flieger in die USA, Kanada und Mexiko zu ergattern, nachdem Tuchel zuvor erklärte, dass Chelseas Reece James, Newcastles Tino Livramento und Arsenals Ben White alle vor ihm in der Rangordnung der Rechtsverteidiger stünden. Sogar Jarrell Quansah von Bayer Leverkusen, ein gelernter Innenverteidiger, wurde als bevorzugte Option für diese Rolle genannt. Eine plötzliche Verletzungslawine hat Tuchel jedoch zum Handeln gezwungen.
Arsenals Abwehrspieler Ben White ist nach einer Knieverletzung im Premier-League-Sieg am Sonntag bei West Ham ein großer Fragezeichen für das Turnier. Der vielseitige Außenverteidiger, der sich seit seinem Wechsel auf die rechte Seite unter Mikel Arteta als Offenbarung erwiesen hat, wäre ein starker Kandidat für einen der Abwehrplätze gewesen. Sein möglicher Ausfall reißt ein großes Loch in Tuchels Pläne, insbesondere angesichts Whites Fähigkeit, bei Bedarf auch zentral zu decken. In der Zwischenzeit fällt Tino Livramento derzeit mit einer nicht näher bezeichneten Verletzung aus, obwohl im England-Lager verhaltener Optimismus herrscht, dass der Newcastle-Spieler rechtzeitig zur WM genesen wird.
Das Bild wird zusätzlich durch die Fitness von Reece James verkompliziert, Tuchels anerkanntem Spitzenreiter auf der rechten Seite. Der Chelsea-Kapitän ist erst kürzlich von einer längeren Verletzungspause zurückgekehrt, was Fragen zu seiner Spielschärfe und Belastbarkeit über einen kompakten Turnierplan aufwirft. All dies öffnet Alexander-Arnold die Tür, dessen kreatives Passspiel und Standardsituationen eine andere Dimension bieten – doch seine defensiven Schwächen bleiben in einem System, das Solidität von seinen Außenverteidigern verlangt, ein Problem. Tuchel wird nun daran arbeiten, seinen Kader auf die letzten 26 zu reduzieren, wobei die Entscheidungen auf der rechten Seite als der heikelste Balanceakt anstehen.
Andernorts erhält Manchester Uniteds Linksverteidiger Luke Shaw eine vorläufige Rückberufung, obwohl er seit der EM-2024-Niederlage gegen Spanien nicht mehr für England gespielt hat. Der 29-Jährige wird seit jener Nacht von Verletzungen geplagt, aber eine konstante Serie von 36 Vereinseinsätzen in dieser Saison für United – zuletzt in einer offensiveren Schienenspieler-Rolle unter Ruben Amorim – hat Tuchel davon überzeugt, dass er einen weiteren Blick wert ist. Shaws Erfahrung und Vielseitigkeit machen ihn zu einem wertvollen Aktivposten, wenn er fit ist, und die vorläufige Nominierung deutet darauf hin, dass er andere Anwärter auf einer Position relativer Knappheit überholt hat.
Brightons Danny Welbeck findet sich ebenfalls im vorläufigen 55er-Kader wieder, was eine mögliche Renaissance auf Nationalmannschaftsebene für den 34-jährigen Stürmer markiert. Welbeck hat seit 2018 nicht mehr für England gespielt, aber seine 14-Tore-Ausbeute für Fabian Hürzelers Team in dieser Saison gehört zu den produktivsten seiner Karriere. Während ein endgültiger Platz keineswegs sicher ist – Kapitän Harry Kane, Ollie Watkins und Ivan Toney sind wahrscheinlich in der Rangordnung vorne –, bieten Welbecks Beweglichkeit, sein Kombinationsspiel und seine Erfahrung in großen Spielen ein überzeugendes Argument als vierte Option oder als Joker von der Bank.
Bournemouths Mittelfeldspieler Alex Scott, der im November seine erste Einberufung in die A-Nationalmannschaft erhielt, aber später für die März-Freundschaftsspiele gestrichen wurde, kehrt auf die vorläufige Liste zurück. Der dynamische Box-to-Box-Stil des 21-Jährigen wurde mit Declan Rice verglichen, und seine erneute Aufnahme deutet darauf hin, dass Tuchel Potenzial in ihm für die Zukunft sieht – auch wenn ein endgültiger Kaderplatz angesichts der Tiefe im Mittelfeld mit Jude Bellingham, Conor Gallagher, Kalvin Phillips und Curtis Jones vielleicht zu weit gegriffen ist. Scotts Fähigkeit, als Achter oder in einer tieferen Rolle zu spielen, bietet taktische Flexibilität.
Der vorläufige Kader enthält auch Ruben Loftus-Cheek, der seine Karriere bei der AC Milan wiederbelebt hat, sowie den noch nicht für England eingesetzten Innenverteidiger von Crystal Palace, Chris Richards, der sich über seinen in London geborenen Vater qualifiziert. Tuchels Bereitschaft, ein breites Netz auszuwerfen, spiegelt die besondere Herausforderung einer WM wider, die sich über drei Gastgeberländer und unterschiedliche Klimazonen erstreckt, wo Kaderbreite und Anpassungsfähigkeit von größter Bedeutung sein werden. Verletzungen, Formschwankungen und taktische Anpassungen in den letzten Wochen der Klubsaison werden alle eine Rolle bei der Gestaltung der endgültigen 26 spielen.
Von jetzt bis zum 22. Mai werden Tuchel und sein Team die Fitness der Schlüsselspieler überwachen, Gespräche mit den medizinischen Abteilungen der Vereine führen und die Leistungen in den letzten Runden der nationalen und europäischen Wettbewerbe bewerten. Das Rechtsverteidiger-Dilemma wird die Diskussionen dominieren: Wenn James seine Fitness überzeugend nachweisen kann, bleibt er der Favorit; Livramentos Genesungszeitplan fügt Unsicherheit hinzu; und Whites Verletzung könnte ihn letztendlich ohnehin ausschließen. Alexander-Arnold – einst ein nachlassender Kandidat – sieht jetzt wahrscheinlicher denn je seit Tuchels Amtsantritt aus, den Transatlantikflug zu besteigen.
Die Entscheidung des Verbands, die vorläufige Liste bis zur endgültigen Bekanntgabe unter Verschluss zu halten, ist Standardverfahren, aber Lecks und fundierte Spekulationen zeichnen ein klares Bild: Tuchel bereitet sich auf mehrere Eventualitäten vor, vertraut auf Veteranen wie Shaw und Welbeck und schützt sich gegen weitere Verletzungen in einem komprimierten Zeitplan. Der Countdown zur ersten WM auf nordamerikanischem Boden ist in vollem Gange, und Englands Weg zu potenziellem Ruhm beginnt mit der akribischen – und gnadenlosen – Reduzierung einer 55-köpfigen Liste.
Berichterstattung basiert auf BBC Sport.